Laut Psychologie entwickelten Kinder der 1960er- und 1970er-Jahre eine Form emotionaler Stärke, die durch moderne Erziehung unbeabsichtigt aus einer ganzen Generation verschwunden ist

Kindheit in den 1970ern — haben wir eine Form von Resilienz verloren?
Kindheit in den 1970ern — haben wir eine Form von Resilienz verloren?

Wenn ein Erzähler seine Kindheit in Ohio in den frühen 1970er-Jahren Revue passieren lässt, entsteht das Bild einer anderen Zeit. Damals war er etwa neun Jahre alt, eines von fünf Kindern in einer Arbeiterfamilie. Kindheit hieß oft unstrukturiertes, unbeaufsichtigtes Spielen — die Eltern waren stark eingespannt und hatten nur begrenzte Mittel, sie konnten die Kinder nicht auf Schritt und Tritt überwachen. Das klare Kommando der Mutter „Geh spielen. Sei zum Abendessen zurück.“ steht für eine Phase, in der Kinder viel Freiheit und Abenteuer erleben konnten — etwas, das heute häufig fehlt.

Diese Rückschau stellt eine wichtige Frage in den Raum:

Hat das unüberwachte Aufwachsen der 1960er und 1970er Jahre eine Form emotionaler Resilienz gefördert, die moderne Erziehungsmethoden, trotz bester Absichten, auslöschen könnten?

Unbeaufsichtigtes Spielen — ein Lehrmeister für Resilienz?

Untersuchungen legen nahe, dass Kinder, die risikoreiche und herausfordernde Spiele erleben, eine größere Belastungstoleranz und bessere Emotionsregulation entwickeln. Dazu gehört auch eine Studie, die auf PMC (PubMed Central) veröffentlicht wurde. Dr. Peter Gray vom Boston College kommt zu dem Schluss, dass der Rückgang unabhängiger Kinderaktivitäten seit den 1960er-Jahren mit einem Anstieg von Angst, Depression und Suizid bei Jugendlichen zusammenfällt. Seiner Ansicht nach hat die Freiheit des freien Spiels Kindern geholfen, Resilienz zu entwickeln — eine Fähigkeit, die in unserer stärker überwachten Gesellschaft seltener geworden ist.

Auch Jonathan Haidt (Autor von „The Anxious Generation“) beschreibt den kulturellen Wandel von einer „spielbasierten Kindheit“ zu einer „telefonbasierten Kindheit“ — befeuert durch Smartphones und soziale Medien ab etwa 2012. Er verweist auf steigende Zahlen bei Angst, Depression und Suizid unter Jugendlichen, die er mit diesem Wandel in Verbindung bringt. Ergänzend zeigt die American Psychological Association (APA), dass überkontrollierende Erziehung die Fähigkeit von Kindern zur emotionalen und verhaltensbezogenen Regulation beeinträchtigt.

Was wir daraus lernen können: das richtige Gleichgewicht finden

Das heißt nicht, die 1970er schulterklopfend zu verklären — seitdem haben wir wichtige Sicherheitsfortschritte erzielt, etwa Anschnallpflichten und besseren Sonnenschutz. Der Schutzreflex vieler Eltern heute ist nachvollziehbar und wohlmeinend, doch zu viel Überwachung kann unbeabsichtigt das Gefühl der Selbstwirksamkeit und die Belastbarkeit der Kinder schwächen.

Nassim Taleb‘s Konzept der „Antifragilität“ passt hier gut: moderate Stressoren können Systeme sogar stärken. Auf Kinder übertragen bedeutet das, dass kontrollierte Herausforderungen ihnen helfen, psychologische Widerstandskraft aufzubauen. Eine systematische Übersichtsarbeit in Frontiers in Psychology zeigt etwa Zusammenhänge zwischen Helicopter Parenting und höheren Raten von Angst und Depression.

Konkrete Alltagsbilder aus dem Text — zum Beispiel das Streiten der Enkelkinder über Funde bei wöchentlichen Naturspaziergängen — verdeutlichen, wie wichtig es ist, Kindern Raum zur eigenständigen Erkundung und zur Konfliktlösung zu lassen. Praktische Vorschläge sind dabei ganz bodenständig: Kinder zu Fuß zu Freunden gehen lassen oder unstrukturierte Nachmittage erlauben, damit sie Selbstständigkeit üben können.

Der Kern liegt wohl darin, das Beste aus beiden Welten zu verbinden: Freiheit und spielerisches Risiko aus der Vergangenheit bewahren, gleichzeitig die Fortschritte in Sicherheits- und Gesundheitsstandards nutzen. Das erfordert eine sorgfältige Abwägung zwischen Schutz und Freiheit, um eine gesunde, widerstandsfähige nächste Generation heranzuziehen.